Studentenleben

Gastbeitrag: Studieren mit psychischer Erkrankung

„Borderliner haben nichts mit Liebe zu tun. Sie denken nur in krankhaften Abhängigkeitsverhältnissen.“ – Kommentar auf YouTube

„😢 Nach einer so schrecklichen Tat wird diesen Frauen noch einmal Unrecht zugefügt! Es fällt mir unsagbar schwer die richtigen Worte zu finden! 😢“ – Kommentar auf YouTube

Wer bin ich?

Ich bin Steffi, 24 Jahre jung und studiere im 8. –und damit für mich letzten – Semester Germanistik und Linguistik. Für mich war das Studium nicht gerade Plan A. Aber um nichts in der Welt möchte ich diese Erfahrungen missen, denn sie haben mir gezeigt, wie robust und gleichzeitig gebrochen ich war.

Meine Geschichte

Seit ich jung bin, war ich schon immer anders. Ich konnte nur schwer mit Verlusten oder Abschieden umgehen, konnte meine Emotionen nicht kontrollieren, war oft impulsiv und erlebte täglich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Das allein war schon unerträglich für mich, ohne zu wissen, was nicht mit mir stimmte. Mit 15 Jahren wurde ich vergewaltigt und lebe seither mit den Narben, die diese Tat hinterlässt. Trotz Therapie.

Die Kommentare oben sollen einen kleinen Auszug dessen geben, wie ungerecht ich mich gefühlt habe, dass meine Borderline-Akzentuierung mich als Mensch viel unsympathischer und unmenschlicher macht, als meine Posttraumatische Belastungsstörung.

(c) Steffi

Dabei wissen viele gar nicht, welchen Kampf ich jeden Tag mit meinen täglichen Begleitern der Posttraumatischen Belastungsstörung und Borderline ausgefochten habe. Grob gesagt versteht man unter Borderline – eigentlich emotional instabile Belastungsstörung – rasche Stimmungswechsel, instabile und intensive zwischenmenschliche Beziehungen und ein schwankendes Selbstbild aufgrund gestörter Selbstwahrnehmung. Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, ein sogenanntes Trauma, wie etwa Unfälle, Gewaltverbrechen oder Naturkatastrophen.

Mit Boderline und PTBS studieren

Mit Beginn des Studiums wurde ich massiver mit meinen Ängsten und Lastern konfrontiert. Wie kann ich mich sicher fühlen, wenn im Hörsaal um mich herum Männer sitzen? Wenn sich ausgerechnet ein Mann neben mich setzt? Wie soll ich angstfrei nach Hause kommen, wenn im Wintersemester die Vorlesung um 18 Uhr endet und es stockduster wird?

Manchmal hatte ich einfach keine Kraft mich mit jenen Ängsten zu konfrontieren. Also nahm ich den Weg des geringsten Widerstands: ich blieb Zuhause. Das half zwar kurzfristig gegen meine Angst, ausgelöst durch die PTBS, aber nicht meiner Borderline Erkrankung.

Sobald ich aus meinem Alltag rausgehe und meine Verpflichtungen schleifen lasse, kommt diese unerträgliche innere Leere, die nichts füllen kann. Ohne jegliche Kraft blieb ich also auch den folgenden Wochen der Vorlesung fern. Ich traute mich nicht Gespräche mit männlichen Dozenten zu führen, aus Angst, sie würden mir zu nahekommen oder mir etwas Böses antun.

Im 4. Semester erreichte diese Angst ihren Höhepunkt, als ich von Zuhause aus- und in die Studentenwohnung an meiner Uni einzog. Meine Tage waren durchzogen von Panikattacken, weil ich mich allein und verlassen fühlte. Während dieser Zeit brach auch mein einziger enger Freundschaftskreis weg und ich fühlte so einen höllischen Schmerz, dass ich mir sogar dachte: „Am liebsten will ich sterben.“. Borderliner empfinden Gefühle viel intensiver wahr, als andere Menschen und so wurde dieser Verlust zu einer Höllenqual für mich. Ich konnte viele Anforderungen der Uni kaum wahrnehmen: hier ein Text als BN-Anforderung, da ein Referat, dort eine Prüfung. Es ging einfach nicht. Durch eine Prüfung rasselte ich hochkant durch und ich sah mich als größte Versagerin.

Kurzum: studieren mit zwei psychischen Erkrankungen war und ist ein Kampf. Jeden Tag. Doch irgendwann erkannte ich, dass ich nicht mehr aufgeben wollte und das Zepter selbst in die Hand nehmen kann. Ich war es satt, Opfer und machtlos gegen jede Panikattacke zu sein. Die Therapie 2018 hat mich viele Nerven und Arbeit gekostet, doch sie war es wert. Jede einzelne Minute. Natürlich bin ich jetzt nicht „geheilt“, denn gewisse Narben bleiben einfach übrig und gerade bei Borderline ist es schwierig all das, was Persönlichkeitsmerkmale ausmacht, „wegzutherapieren“.

Ich habe gelernt, mich selbst zu akzeptieren und auch das Gute in all dem zu sehen.

Ich kenne meine Grenzen, ich weiß, wie belastbar ich bin und habe endlich gelernt, regelmäßig Pausen und Entspannungsphasen einzubauen. Mittlerweile schaffe ich es, ganz diszipliniert in der Uni zu sein und meiner Alltagsroutine nachzugehen. Das ist in Zeiten von Corona natürlich nicht leicht, aber ich gebe jeden Tag mein bestes, weil ich weiß, dass es mir guttut und ich eine Kämpferin bin. 

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